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Das Migrations- und Integrationsforum Baden-Württemberg, kurz MIF, versachlicht Migrations- und Integrationsthemen. Expert*innen aus Wissenschaft, Medien, Politik und Zivilgesellschaft beraten über zentrale Fragen der Integration und Migration.

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Prof. Dr. Reinhold Weber
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Frauen, Flucht und Migration – weltweit und in Baden-Württemberg

Tagungsbericht vom 12. Oktober 2023

Lange Zeit fanden die vielen Frauen, die durch Flucht, Vertreibung oder im Rahmen der „Gastarbeiter“-Ära nach Deutschland gekommen sind, in der öffentlichen Wahrnehmung wenig Beachtung. Erst in jüngster Zeit, ausgelöst durch die hohe Zahl an geflüchteten Frauen aus der Ukraine, rückte ihr Schicksal stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Welchen Gefahren sind Frauen auf ihrer Flucht ausgesetzt? Welche Herausforderungen sind für die Aufnahmeländer mit geflüchteten Frauen verbunden? Welche Chancen und Möglichkeiten der selbstbestimmten Teilhabe gewährt ihnen Deutschland, insbesondere Baden-Württemberg? Dies sind nur einige der Fragen, die in den Impulsvorträgen sowie den vier moderierten Gesprächsrunden im Rahmen der Tagung zur Sprache kamen, die gemeinsam vom Migrations- und Integrationsforum Baden-Württemberg (MIF) und dem Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof in Stuttgart durchgeführt wurde.

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Begrüßung

Birgit Locher-Finke vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg betonte in ihrer Begrüßung, dass die Motive von Frauen zur Migration so vielfältig seien wie die nach Deutschland und Baden-Württemberg geflüchteten und migrierten Frauen selbst. „Dies wurde bisher zu wenig beleuchtet“, so die Expertin für Integrationsthemen.

Reinhold Weber schloss an: „Mit dieser Tagung geht es uns um das Sichtbarmachen von mutigen Frauen im Flucht- und Migrationskontext“. Es gehe darum, „die Potenziale jenseits der Stereotype, die Chancen und Möglichkeiten dieser Frauen in Baden-Württemberg in den Blick zu nehmen“.

Teil 1: Flucht und Migration – global und national

So lautete der Schwerpunkt des ersten Tagungsteils, in dem Dr. Steffen Angenendt von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin das Thema „Trends, Wanderungsursachen und politische Herausforderungen“ im Kontext von Flucht, Migration und Gender in den Fokus seines Vortrags stellte.

Genderfragen stünden im Zentrum von Flucht und Migration und bräuchten mehr Aufmerksamkeit, betonte der Migrationsexperte. Frauen stellen laut seiner Aussage die Hälfte der weltweiten Flüchtlinge und Migranten. Die Ursachen einer Fluchtentscheidung seien Konflikte und Verfolgung, wirtschaftliche und soziale Perspektivlosigkeit sowie das Versagen von Regierungen und staatlichen Institutionen. Frauen seien aktiv Handelnde – sie träfen Migrationsentscheidungen, um für sich und ihre Familien Perspektiven zu schaffen. Sie seien bei ihrer Flucht von Gewalt, Diskriminierung und immensem physischen und psychischen Leid betroffen.

Aus Sicht des Migrationsforschers lägen die Gender-Defizite in der Flucht- und Migrationspolitik. Migration würde noch immer überwiegend als männliches Phänomen wahrgenommen. Es gäbe in der Asyl- und Migrationspolitik zu wenig Aufmerksamkeit für die Akteursqualität von Frauen. Wechselwirkungen zwischen Geschlecht und anderen Benachteiligungen im Zusammenhang mit Flucht und Migration würden nicht ausreichend erkannt.

Als Perspektiven sieht Angenendt vonseiten der Bundesregierung die Schaffung einer aktiven Migrationsaußenpolitik unter Beteiligung von Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft. Im Kontext der Arbeitsmigration sollten mit geeigneten Partnerländern faire und nachhaltige Migrationspartnerschaften geschlossen werden. In der Flüchtlingspolitik müsse die Zusammenarbeit mit Erstaufnahmeländern vertieft werden, insbesondere durch Unterstützung bei der Flüchtlingsaufnahme und beim Kapazitätsaufbau der dortigen Verwaltungen. Hierbei sei auf den besonderen Schutzbedarf von Frauen und Mädchen auf der Flucht zu achten. Integrationspolitik in Deutschland sei die Kehrseite der Migrationsaußenpolitik. Geflüchtete und Migrantinnen sollten besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung erfahren, etwa beim Spracherwerb, der beruflichen Eingliederung sowie der Betreuung und Schulbildung der Kinder.

Perspektiven aus der Geschlechter- und Migrationsforschung

Das Thema „Frauen, Flucht und Migration. Perspektiven aus der Geschlechter- und Migrationsforschung“ stellte die Karlsruher Soziologin Prof.in Dr. Annette Treibel in den Mittelpunkt ihres anschließenden Vortrags.

Nach ihrer Erläuterung der Aspekte der Geschlechterforschung im Allgemeinen, die sich von den Frauenbewegungen über die Frauenforschung zur Geschlechterforschung hin erstreckt und Sexismus (#MeToo u. a.), sexuelle Gewalt, Femizide und Antifeminismus miteinbezieht, konzentrierte sich Treibel auf Frauen in Flucht und Migration. Lange Zeit herrschte die Tendenz in der Migrationsforschung, Mädchen und Frauen seien die „Anhängsel“ der Migration von Männern, seien Familienangehörige, keine Akteurinnen und zählten zu den „Sonderfällen“, zum „Exotischen“. Ebenso wie ihr Vorredner bezog sich die Soziologin zunächst auf die Ursachen einer Fluchtentscheidung und ergänzte als Fluchtursache die patriarchalen Strukturen im Herkunftsland sowie die sexuelle Gewalt im familiären Umfeld. Hinzu komme vielfach die Ausübung sexueller Gewalt als demütigendes Motiv und Mittel in Kriegen und Konflikten.

Lange Zeit herrschte die Tendenz in der Migrationsforschung, Mädchen und Frauen seien die ‚Anhängsel‘ der Migration von Männern. (Prof.in Dr. Annette Treibel)

 

Im weiteren Verlauf ihres Vortrags stellte Treibel die zentrale Frage der Geschlechterforschung im Kontext von Migration. Durchlaufen Migrantinnen einen Emanzipationsprozess? Muss man Migration als einen vergeschlechtlichten Prozess verstehen? Wie sieht – insbesondere im Zusammenhang mit Care-Arbeit – das Verhältnis von Migrantinnen und ihren Arbeitgebern aus? Und wie ist die Selbst-und Fremdwahrnehmung von Musliminnen? Zu Letztgenanntem führte Treibel das Selbstverständnis der Neo-Muslima an, die sich als sozialisierte, selbstbewusste und gläubige Frauen verstünden.

In ihrem Plädoyer stellte die Soziologin die Thematisierung von Machtverhältnissen in Bezug auf Migrantinnen, Eingewanderte und die Nachkommen von Eingewanderten in den Fokus. So müsse es u. a. eine „Aufladung“ der Gender-Thematik einerseits und der Migration andererseits geben. Mit Blick auf die wissenschaftlichen Entwicklungen solle die Migrationsforschung in alle Bereiche der Gesellschafts- und Sozialwissenschaften Einzug halten.

Im anschließenden Gespräch diskutierten Dr. Steffen Angenendt und Prof.in Dr. Annette Treibel unter der Leitung von SWR-Moderatorin Susanne Babila u. a. die Frage, was die Gesellschaft von Frauen und Mädchen erwarten könne, die ein unvorstellbares Schicksal mit häufig folgenden Traumata hinter sich haben; Mädchen, denen die Schulbildung aufgrund der Flucht fehle. Vor allem erfordere es aufgrund der Schicksale und Familienkonstellationen der Geflüchteten Geduld und Verständnis, betonte die Soziologin Annette Treibel.

Warum fliehen Frauen? Die Gründe sind vielfältig: Sie wollen politischer Verfolgung, Bürgerkriegen, Umweltkatastrophen, Armut und verschiedenen Formen von Gewalt entkommen – häuslicher Gewalt oder sexualisierten Übergriffen wie „Ehrenmorde“, Zwangsabtreibungen, Zwangsheirat, Zwangssterilisation und Genitalverstümmelungen. Sogar Witwenverbrennungen und Vergewaltigungen reihen sich dem an. Sexualisierte Gewalt sei also ein bewusst angewandtes Mittel in Kriegen und Konflikten.

Auch wenn Frauen ihre Heimat verlassen haben, bedeute das nicht das Ende ihrer Erfahrungen mit (sexualisierter) Gewalt. Auch auf der Flucht seien sie weiterhin Gefahren ausgesetzt. Die Fluchtrouten seien gefährlich und selbst im Aufnahmeland können Frau Opfer rassistischer Gewalt werden oder weiteren Bedrohungen in Flüchtlingslagern ausgesetzt sein.

Teil 2: Geflüchtete Frauen in Baden-Württemberg

In ihrem Grußwort erläuterte Dr. Ute Leidig MdL, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg, dass das Bundesland sehr aktiv in der Beratungsarbeit der geflüchteten Frauen sei.

In Baden-Württemberg biete man in 16 mobilen Fachberatungsstellen in den Bereichen sexualisierte und häusliche Gewalt, Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung und Prostitution fachliche Unterstützung an – häufig auch in der Landessprache, etwa für Frauen aus der Ukraine. Darüber hinaus läge der Fokus auf der Beratung für die Anerkennung ausländischer Abschlüsse, dem Spracherwerb, der Kostenübernahme der Kinderbetreuung sowie der Gleichberechtigung und Gleichstellung der geflüchteten Frauen.

Em- oder entpowern wir?

Im folgenden Impulsvortrag „Em- oder entpowern wir? Selbstbestimmte Teilhabe und Potenziale geflüchteter Frauen“ erläuterte Nathalie Wollmann, Referentin für Migration und Diversity des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg, dass ein gelingendes Empowerment u. a. vom Wissen um die jeweilige Fluchtmotivation, Fluchterfahrungen, Ressourcen, Bewältigungsmöglichkeiten, Diskriminierungserfahrungen und vom familiären Kontext abhänge.

Manche Frauen würden alleine oder mit ihren Familien fliehen. Die lebensgefährliche Flucht auf illegalen Wegen würde die Gefahr von Menschenrechtsverletzungen mit sich bringen. Empowerment umfasse laut Wollmann Strategien und Maßnahmen, die den Frauen dabei helfen, ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. So gäbe es Programme zur politischen oder beruflichen Bildung, Beratungs- und Unterstützungsformate für gewaltbetroffene Frauen oder aber auch Projekte zur Förderung des sozialen und kulturellen Engagements.

Besondere Wirkfaktoren für die Empowerment-Prozesse sprach die Referentin der Aufnahmepolitik und den Aufnahmebedingungen zu. Der hohe Erwartungsdruck an eine rasche und vor allem gelungene Integration durch schnellen Spracherwerb, Bildung, Versorgung der Familie, Arbeitsmarktintegration und die Kenntnis von Werten im Aufnahmeland sei sehr hoch. Hierfür seien strukturelle Ressourcen notwendig, die vom Aufnahmeland bereitgestellt werden müssten.

Dass das Bild der geflüchteten Frau im kollektiven Verständnis nicht des Stereotyps der schutzbedürftigen, unselbstständigen und unterdrückten Frau und Mutter unterliege, die „empowert“ werden müsse, um ihre Teilhabe an der Gesellschaft erst zu ermöglichen, war Nathalie Wollmann dabei sehr wichtig. Empowerment sei ein Ansatz, der bestehende Selbstbestimmung und Handlungskompetenzen erweitere und diese auch anerkenne. Dies sei die Basis, um Teilhabe zu fördern.

Wichtig ist es Teilhabe als Grundlage für Empowerment zu betrachten und nicht umgekehrt! (Nathalie Wollmann, DER PARITÄTISCHE)

Am Ende ihres Vortrags appellierte Nathalie Wollmann daran, eine klare Haltung zu zeigen: Für die Menschenrechte und gegen jegliche Form von Diskriminierung und demokratiefeindlichen Äußerungen.

Podiumsgespräch: Faktoren für ein erfolgreiches Empowerment

In der anschließenden Gesprächsrunde wurde darüber diskutiert, welche Faktoren für ein erfolgreiches Empowerment maßgeblich seien und welche Chancen und Möglichkeiten das Land Baden-Württemberg empowerten Frauen biete.

Für Nathalie Wollmann zielt Empowerment darauf ab, Einzelpersonen oder bestimmte Gruppen darin zu unterstützen, ihre Machtlosigkeit zu überwinden und sie darin zu stärken, strukturelle Barrieren zu durchbrechen und Teilhabe auf politischer, sozialer und auch rechtlicher Ebene zu erhalten. Sie sprach sich für mehr Transparenz, gezielte Kommunikation der Angebote und persönliche Ansprache der Frauen aus. Dies müsse man in einem Empowerment-Netzwerk bedienen, damit Frauen überhaupt die Möglichkeit haben, sich über jene Angebote, die in leichter Sprache verfasst werden sollten, zu informieren. Jedoch müsse man zunächst eruieren, welche Form der Unterstützung die Person wirklich benötige. Hinzu käme, dass ab 2024 Kürzungen von 30 Prozent der Zuschüsse, gerade in psychosozialen Einrichtungen, zu erwarten seien. Damit empowerte Frauen auch eine wirkliche Chance bekommen, brauche es in der gesamten Gesellschaft ein Denken außerhalb von „Schubladen“.

Jeanette Renk-Mulder, Beauftragte für Flüchtlinge und Integration der Stadt Bad Rappenau, betonte, Anerkennung und Wertschätzung seien die maßgeblichen Faktoren, um das Selbstbewusstsein zu stärken. Dazu habe eine Arbeitsgruppe, eingesetzt vom Netzwerk Integration Baden-Württemberg, zehn Handlungsempfehlungen entwickelt, die sich etwa für Interkulturelle Kompetenz, Anerkennung und Qualifikation, Stärkung von Migrantinnenvereinen und die Schaffung von Ressourcen und Strukturen aussprechen.

Liudmyla Koskina, Mitarbeiterin im Integrationsmanagement Winnenden, arbeitet als „Bufdi“ im Bundesfreiwilligendienst mit ukrainischen Geflüchteten. Auch aus ihrer Sicht sei mangelnde Information ein wesentliches Defizit. Zudem könnten viele Mütter den Sprachunterricht nicht wahrnehmen, da es keine Kinderbetreuung gäbe.

Sajida al Taya, Studentin der Medieninformatik aus Stuttgart, floh 2015 aus Syrien nach Deutschland und erhielt u. a. durch private Initiativen Hilfestellung, die deutsche Sprache zu lernen. Hierdurch konnte sie ihre Mutter und Schwester im neuen Umfeld unterstützen und gab ihnen so emotionale Stärke. Aus Sicht von Sajida al Taya könne durch Kurse und gezielte Beratungsangebote für geflüchtete Frauen vieles auf den Weg gebracht werden. Allerdings müssten die Informationen über diese Angebote auch zielgerichtet an die Frauen weitergeleitet werden. Für sie sei die Offenheit und Hilfsbereitschaft der deutschen Gesellschaft ein maßgeblicher Erfolgsfaktor, um zu zeigen, dass geflüchtete Frauen Teil der Gesellschaft seien.

Ursula Zitzler, Vorsitzende des Freundeskreises Asyl in Ostfildern, betonte, man müsse die Frauen dort abholen, wo sie sind. Dazu habe man ein Mentoring-Projekt gestartet, dessen Kern es sei, Patenschaften zwischen Geflüchteten und einheimischen Bürgerinnen und Bürgern jeden Alters zu initiieren, sie zu begleiten und für beide Seiten Weiterbildungen zu organisieren. Ziel der Beziehung zwischen Mentor und Mentee könne der deutsche Spracherwerb sein, der Berufseinstieg, der Schulabschluss, die Ausbildung oder das Kennenlernen von Freizeitangeboten. Nicht alles jedoch könne man ehrenamtlich organisieren.

Ergänzend betonte Prof.in Dr.Birgit Locher-Finke die Chancen, die das Integrationsmanagement in Baden-Württemberg biete. Integration finde vor Ort statt, in den Stadt- und Landkreisen, den Städten und Gemeinden. Das Land unterstütze Integrationsstrukturen und -maßnahmen, u. a. auch die Sprachförderung. Man brauche allerdings entsprechendes Personal für die Durchführung der Sprachkurse, äußerte sich eine Tagungsteilnehmerin aus dem Publikum. Hierfür wäre aber in vielen Fällen die Bürokratie das Hemmnis.

Teil 3: Jesidinnen und ihr Leben in Baden-Württemberg

In der folgenden Gesprächsrunde begrüßte Moderatorin Susanne Babila die junge Jesidin Jihan Alomar, die im Alter von zehn Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren sechs Geschwistern vom „Islamischen Staat“ (IS) gefangengenommen wurde. Hunger und Misshandlungen waren an der Tagesordnung. 2014 gelang es der Familie, nach zehnmonatiger Gefangenschaft vor dem bis heute anhaltenden Völkermord der IS aus dem Nordirak zu fliehen. 2016 erreichte Jihan Alomar durch das Sonderkontingent Baden-Württemberg mit einem Teil ihrer Familie Deutschland und erhielt laut eigener Aussage jede Chance für einen Neuanfang. Bis heute vermisse sie ihren Vater und ihre Schwester.

Der heutigen Schülerin war es wichtig, ihr Schicksal in ihrem Buch „Dankbarkeit – die schlimmste Zeit meines Lebens“ festzuhalten. Sie gehe damit an Schulen und Universitäten, um über das Schicksal der Jesidinnen und Jesiden zu berichten, betonte sie. Als Frauenrechtsaktivistin und Botschafterin bei der Menschenrechtsorganisation Háwar Help sei es ihr ein großes Anliegen, sich für Entwicklungs-, Bildungs-, und Aufklärungsprogramme über die Situation der Jesidinnen und Jesiden einzusetzen.

Für ihr Überleben und den Neuanfang in Deutschland sei sie ihrer Mutter sehr dankbar. Sie sei die stärkste Frau, die sie kenne. Ohne sie wäre die Familie nicht so weit gekommen. Ihre schmerzhafte Erinnerung habe Jihan Alomar im Irak gelassen, um neu anfangen zu können mit all der Unterstützung, die sie von Deutschland und ihrer Mutter erhalten habe.
Aufgrund ihrer Erfahrungen möchte sie eine eigene Organisation gründen, um verfolgten Frauen zu helfen. Sich politisch zu engagieren sei ihr Ziel, denn in Deutschland gäbe es aus ihrer Erfahrung immer einen Weg. Aus den Reihen des Publikums erhielt sie umgehend das Angebot für aktive Hilfeleistung zur Umsetzung dieses Gedankens.

Prof. Dr. Dr.Jan Ilhan Kizilhan, Dipl.-Psychologe und Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitsforschung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart, erläuterte aus seiner Erfahrung die Situation der Jesidinnen. Frauen erlitten sexuelle Gewalt und würden aufgrund des Missbrauchs häufig nicht mehr in die Gemeinschaft der Jesiden aufgenommen. Dies gelte auch für die Kinder aus den Vergewaltigungen. Grund dafür sei die vom IS erzwungene Zugehörigkeit der Kinder zum Islam. Die Frauen haben posttraumatische Belastungsstörungen und seien wesensverändert. Selten habe er so viel Leere und Fassungslosigkeit in Augen von Menschen gesehen. Die aufgebauten Camps gäben den Menschen Sicherheit. Aus seiner Sicht haben Jesidinnen und Jesiden jedoch eine angeborene Resilienz und sehen sich nicht als Opfer, sondern als Überlebende. Dies führe auch zu einem Paradigmenwechsel im Empowerment, da jesidische Männer stolz auf diese Frauen seien.

Dr. Michael Blume, Religionswissenschaftler und Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus, betonte, die Jesiden hätten im Sommer 2014 ein Martyrium erlebt, als IS-Truppen den Nordirak überfielen. Im Auftrag des Landes Baden-Württemberg, das 2015 ein Sonderkontingent für humanitäre Hilfe leistete, reiste er gemeinsam mit Prof. Kizilhan und einem Team in den Nordirak, um rund 1.000 Menschen zu retten und sie nach Baden-Württemberg zu bringen. In drei Gerichtsverfahren habe er gegen den IS ausgesagt. Sehr berührend sei es für ihn gewesen, vom Hohen Rat der Jesiden das Vertrauen ausgesprochen bekommen zu haben.

Auf die Frage, wie konkrete Hilfe im Weiteren aussehen könne, standen die Investition in Traumazentren sowie in die Fortbildung von Sozialabeiter:innen im Fokus. Weiterhin investiere das Staatsministerium Baden-Württemberg in das Modellprojekt „Yezidische Jungs in BW“. Ziel sei die Vermittlung positiver Männerbilder an schutzbedürftige, männliche Jugendliche, die meist ohne Väter aufwuchsen.

 

 

Teil 4: Auch Frauen kamen als „Gastarbeiterinnen“ – eine Würdigung

Warum tauchen Frauen im Narrativ der Geschichte der Arbeitsmigration kaum auf? Diese Frage stellte Muhterem Aras MdL, Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, in das Zentrum ihres Impulsvortrags, der den letzten Tagungsteil einleitete.

Über das Thema Flucht und Migration habe man viel gesprochen, der besondere Fokus auf Frauen würde dabei oft verborgen. Hier müsse man Licht ins Dunkel bringen, betonte sie. Alleine 1973 lebten in Deutschland 706.000 Gastarbeiterinnen. Das entsprach über dreißig Prozent aller Arbeitnehmer:innen aus dem Ausland. Insbesondere fingerfertige, junge Frauen arbeiteten in der Elektro- und Textilindustrie, leisteten gleiche Arbeit wie ihre männlichen Kollegen, doch erhielten 30 bis 40 Prozent weniger Gehalt, was sich in der Bezeichnung „Leichtlohngruppe“ widerspiegelte. Sie kamen mit Neugier, Mut und Willenskraft in das unbekannte Deutschland. Sie trennten sich von ihrer Familie, ihren Kindern und Babys. Ein Schmerz, der sich in Biografien durch Generationen hinweg eingeschrieben habe.

Meist ohne Sprachkenntnisse und Kenntnis ihres neuen Umfeldes habe man die Frauen sich selbst überlassen. Firmen hätten Schwangere sogar zur Abtreibung gezwungen, sonst hätte ihnen die Kündigung gedroht. Gastarbeiterinnen waren gefragt als reine Arbeitskräfte und wurden als solche behandelt.

Made in Germany‘ ist auch ‚Made by Gastarbeiterinnen‘. Erkennen wir diese Lebensleistung endlich an! (Muhterem Aras MdL, Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg)

 

In ihrer Rede forderte die Landtagspräsidentin, die selbst einer bildungs- und integrationsoffenen „Gastarbeiter“-Familie entstammt, die Anerkennung der Lebensleistung, die Würdigung und den Respekt gegenüber den einstigen Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern. Nur so könne man ihren Kindern und Kindeskindern zeigen, dass sie Teil dieser Gesellschaft und Teil dieser Demokratie seien. Man müsse ihnen den geschichtshistorischen Platz verleihen, den sie verdient hätten, damit das Heute zu einem Morgen werde, wie man es sich wünsche – zu einer demokratischen, solidarischen und gleichberechtigten Gegenwart, unterstrich Landtagspräsidentin Aras.

Im Anschluss begrüßte Moderatorin Susanne Babila vier Gäste, die über ihre Erfahrungen als Gastarbeiterin oder als Gastarbeiterkind berichteten.

„Ich bin für die Menschen gekommen und geblieben“, sagte Silva Burrini. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Satz durch das Leben der ehemaligen Sozialarbeiterin, die sich seit 1963 im Dienste der Caritas für italienische Gastarbeiterfamilien und deren Kinder in Freiburg und Ludwigshafen einsetzt. Die gebürtige Italienerin, die 1957 als 17-jährige ohne Sprachkenntnisse zunächst nach Freiburg kam, weiß um die Probleme der Frauen und Männer, die im Rahmen der Anwerbeabkommen nach Deutschland kamen. Sie kennt das „Nicht-Verstehen“, die menschenunwürdigen Lebensumstände und die Hilflosigkeit. Italienische Kinder bei den Hausaufgaben zu unterstützen, ihnen eine Chance zu geben, aus den damals nicht enden wollenden Vorbereitungsklassen in das deutsche Schulsystem integriert zu werden, sei für sie bis heute Antrieb und Herzensangelegenheit.

Dr. Nesrin Tanç, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin sowie Autorin einer Studie zu „Gastarbeiterinnen“ in Deutschland, blickte in der Gesprächsrunde auf ihre eigene Familiengeschichte zurück. Nach dem tödlichen Arbeitsunfall des Vaters bangte die Mutter, die „nur“ den Status „Gastarbeiterfrau“ hatte, um ihre Aufenthaltserlaubnis. Deutschland zu verlassen war keine Alternative, wollte sie doch den letzten Wunsch des Vaters erfüllen und mit den Kindern in Deutschland bleiben. Arbeit in einer „Leichtlohngruppe“ war ihr Traum. Sie und ihre Kinder lebten in ärmsten Verhältnissen. Doch die Kinder aus dem Vorderhaus hätten sich ihrer angenommen. Die Resilienz dieser Kinder war im Nachhinein beeindruckend. Erst später habe Nesrin Tanç verstanden, welche Kindheit sie erlebt habe. Und sie betonte: Nicht nur zu Zeiten der „Gastarbeiter“ fielen Frauen aus dem Raster, auch heute wäre dies aus ihrer Erfahrung noch oft der Fall.

Süheyla Ince Demir, Rechtsanwältin, Stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums des Deutsch-Türkischen Forums Stuttgart und Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Juristenvereinigung, berichtete, ihre Mutter sei 1967 im Alter von 22 Jahren zu ihren Eltern nach Deutschland gereist. Beide seien bereits als „Gastarbeiter“ dort gewesen und beabsichtigten eigentlich, wieder in die Türkei zurückzugehen, um dort das geplante Haus zu bauen, für das sie gespart hätten. Doch sie blieben. Offenheit für andere Menschen sei die Lebensphilosophie Ihrer Großeltern und diese habe man mit Erfolg an die Nachfolgegenerationen weitergegeben.

José F. A. Oliver, Schriftsteller und Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, betonte die beschämenden Einblicke in die Vergangenheit im Hinblick darauf, wie man mit den Menschen umgegangen sei. Sie lebten am Rand der Gesellschaft. Für ihn jedoch seien sie die Helden Europas und nicht die „Lost Generation“.
Für seine Eltern, die im Rahmen der Anwerbeabkommen 1960 aus Malága nach Deutschland kamen, war die Bildung der Kinder sehr wichtig. Seine Mutter habe zwei Arbeitsstellen gehabt, die Familie lebte mit sieben Personen auf rund 45 Quadratmetern. Seine Mutter sei „Gastarbeiterin“ bis zur letzten Stunde gewesen. Obwohl sie bis zu ihrem Tod in Deutschland lebte, sei sie ideell nie wirklich angekommen. Als starke Frau habe sie den Kindern Haltung und Würde geschenkt. Täglich bitte er sie um Energie.

Zum Abschluss stellte Moderatorin Susanne Babila an die Teilnehmenden die Frage, was sie sich zur Würdigung der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter wünschten. Nesrin Tanç nannte die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung für ihre Mutter. Es gebe aber auch immer noch zu viel Unwissenheit im Bereich der Türkeiforschung, die man dringend voranbringen müsse. Ein Denkmal für die Menschen aus der „Gastarbeiterzeit“ und ihre Leistungen wäre ein Zeichen der Wertschätzung.

Zur Würdigung der Lebensleistung der „Gastarbeiter“-Generation wäre für Süheyla Ince Demir der Wegfall des Einbürgerungs- sowie Sprachtests ein Zeichen der Wertschätzung.
Man habe damals nur die Arbeitskräfte gewollt, sich aber nicht für die Menschen, ihre Kompetenzen, Interessen und Nöte interessiert, betonte Silva Burrini. Die Erinnerung und Anerkennung ihrer Lebensleistungen im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft zu bewahren sei für sie das Maßgebliche. 

Für José F. A. Oliver, der auch zwei seiner Gedichte rezitierte, steht das Sichtbarmachen der ehemaligen „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ an erster Stelle. In den Städten und Dörfern, aber auch auf Internetplattformen müsse man über ihre Geschichte als Beitrag zur Erinnerungskultur informieren oder sie etwa durch die Benennung von Straßen würdigen und sie so anerkennen und wertschätzen. So sahen es auch viele Gäste der Tagung, die insgesamt den Erfahrungsaustausch lobten und sich in ihrer Arbeit ermutigt fühlten. José F. A. Oliver brachte es auf diesen Nenner: „Es war eine wertvolle und Kraft schenkende Begegnung so wichtiger Stimmen.“


Weitere Hinweise und Empfehlungen:

Die Studie von Dr. Nesrin Tanç mit dem Titel „Ne kaldı? Ne kalacak? Was ist geblieben? Was bleibt? Erinnern an die sogenannten Gastarbeiter:innen aus der Türkei“ (2021) finden Sie hier.
Jihan Alomar ist Co-Autorin des Buches „Dankbarkeit. Die schlimmste Zeit meines Lebens“ (2021), in dem sie von ihrem Martyrium als damals Zehnjährige in Gefangenschaft des „Islamischen Staates“ (IS) und der anschließenden Flucht nach Deutschland erzählt.
Ein ausführliches MIF-Dossier zum Thema „Frauen, Flucht und Migration“ finden Sie hier.
Die Dokumentation des 18. Medienforums des SWR unter dem Titel „Wer gehört dazu? Gesellschaft im Wandel“ finden Sie hier.

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